The Organics - Presse

„Bitte anschnallen", empfiehlt der Programmzettel des Nachtcafés bei den Organics, dem Trio um den Gitarristen Patrick Farrant. Bei den nervösen Uptempos, Farrants flink gefingerten Steilkurven und Skalen auf den Saiten, Markus Kuczewskis nicht minder gelenkig groovender Orgel und Björn Lücker als rühriges bis mächtig die Sticks rührendes Drum-Tier liegt das auch nahe. Und dennoch: Der Gurt kann im Halfter bleiben, denn hier wird aus der Schulter, nicht aus der Hüfte geschossen.
Wenn es im Jazz überhaupt Orgien gibt, dann solche wie bei den Organics, den gebändigten Entfesselungskünstlern. Die Spannung wird gehalten, gedehnt, nicht aufgelöst in einem Höhepunkt. Nein, dem Trio gelingt eine seltsam paradoxe Gratwanderung, ein energisch voranschreitendes Auf-der-Stelle-treten. Farrants Eigenkompositionen wie Hidden Light oder ein Stück mit dem dafür geradezu symbolischen Titel Past Forces sind Bögen, die so weit gespannt sind, dass man ihnen die Krümmung kaum anmerkt. Entsprechend allmählich schält sich aus der skizzenhaft tastenden Intro eine so hinausgezögerte Explosion, dass die nicht eigentlich stattfindet - oder eben in Permanenz. Ein in den Flus: der Zeit gedehnter Augenblick, eine extreme Zeitlupe trotz schwindel-schwirrender Tempi und auch Dynamik.
Ein Aufruhr im Schneckenhaus, durch das die Gitarre oft mit Wah-Wah-Staccati hallt. Auch keine üblichen Soli, sondern eine zunächst kaum merkliche Verschiebung des Schwerpunkts im tripodischen Gleichgewicht der Musiker. Wenn Farrant sich in die Saiten kniet, wird er von einer sprungbereiten Orgel belauert und umgekehrt sind seine Begleitakkorde die Zündkerzen, wenn Kuczewski seinen Groove-Motor aufheulen lässt. Und mitten drin, fast hätten wir es vor lauter Staunen über diese organischen Balanceakte verpasst, ein Drum-Solo, denn auch da gehört das dezente Klappern zum Handwerk.
Nicht anschnallen also! Sondern mitfliegen, sich fallen lassen. Besonders in den intim-vertrauten Dialog von Gitarre und Orgel in Balladen wie John Coltranes Doppelgestirn India und Naima, ersteres okzidental-orientalisch, letzteres eine Wachträumerei, der man einen etwas geringeren Gesprächslautstärkepegel aus dem Publikum gegönnt hätte. Um sich dann, im immer noch freien Fall, von Pat Martinos fix gegroovten The Trick und The Visit recht aufgeweckt aufwecken zu lassen, ebenso befreit wie gefesselt von einem Contemporary-Jazz, den man so organisch selten zu hören bekommt. [Jörg Meyer]


Trennewurth (gub) Der Dithmarscher Jazzverein „jazzcoast. di“ präsentiert am Sonnabend, 6. Oktober, das Hamburger Hammondorgeltrio „The Organics“ in der Scheune der Familie Köhler in Trennewurth. Was das Publikum genau erwartet, verriet der 45-jährige Bandgründer Patrick Farrant unserem Mitarbeiter Andreas Guballa. Frage: Sie haben eine spannende Vita: geboren in Paris, aufgewachsen in Hamburg, studiert in den USA. Wie sind Sie zur Musik und zum Jazz gekommen? Antwort: Ich bin durch den Zwang meiner Mutter zur Musik gekommen. In jungen Jahren hatte ich überhaupt kein Interesse an Musik, aber durch eine Gitarren- AG an meiner Schule und einen Freund, der sehr gut Gitarre spielte, hat sich das sehr schnell entwickelt. Innerhalb eines Jahres spielte ich in einer relativ anspruchsvollen Schülerband und als ich 17 Jahre alt war, hatte ich die Möglichkeit, drei bis vier Mal die Woche im alten „Dennis' Swingclub“ in Hamburg zu spielen. Dort habe ich unheimlich viel erlebt. Es kamen Größen wie Oscar Peterson dorthin und haben gejamt. Aufgrund dieses Schwungs bin ich dann zur Berkley Music School nach Boston gegangen und habe dort natürlich viel Input bekommen. Ich habe unter anderem das Glück gehabt, Michael Gibbs kennenzulernen und bei ihm Unterricht zu nehmen. Danach habe ich fünf Jahre in Berlin gelebt und dort in vielen Projekten gearbeitet. Unter anderem war ich auf Tournee mit Eartha Kitt und Herb Geller. Irgendwann hat mich das Heimweh nach Norddeutschland gepackt und seit einigen Jahren lebe ich in Lübeck. Wie ist es zur Formation „The Organics“ gekommen? Ich habe in Amerika mehrere Jahre fest in einem Hammondorgeltrio gespielt und das war für mich die musikalisch befriedigendste Zusammensetzung. Ich hatte immer den Wunsch, wieder ein Orgeltrio zu gründen. Über mehrere Umwege hat sich dann die jetzige Formation mit Björn Lücker und Markus Kuczewski gefunden. Was bedeutet der Name „The Organics“? Zum einen nimmt er natürlich Bezug auf die Orgel als wichtiges Instrument in unserem Trio. Zum anderen bezieht der Name sich auf die organische Verbindung zwischen Tradition und Zeitgenössischem. Wie würden Sie Ihre Musik beschreiben? Björn und ich sind sehr stark verwurzelt in der Tradition des Jazz. Ich bin quasi damit aufgewachsen. Markus ist 20 Jahre jünger als wir und mit einer anderen Art von Musik groß geworden, also mehr mit elektronischen Klängen unserer Zeit. Es ist schwer für dieser Art der Mischung ein Schlagwort zu finden. Wir haben es auf unserer Homepage „Electrifying Jazz“ genannt. Was erwartet das Publikum am Sonnabend in der Scheune in Trennewurth? Es wird eine Mischung aus klangorientierten, erdigen Hammond-Gitarre-Schlagzeug- Grooves gepaart mit reinem Jazz und elektronischen Klängen. Also eine Melange aus dem, was wir seit fünf Jahren entwickeln. [MARNER ZEITUNG 5. Oktober 2007]